Kmdt. der “Dresden”       Kapitän zur See      Fritz Lüdecke

Auf der Insel Quiriquina

Als am 24. März 1915 gegen 16.00 Uhr der chilenische Panzerkreuzer “Esmaralda” mit der zur Internierung bestimmten Besatzung der “Dresden” nahe der kleinen Insel Quiriquina in der Bucht vor Talcahuano/Conception (Chile) vor Anker ging, begann eine weit über 4 Jahre währende Zeit fern der Heimat für die Offiziere und Mannschaften des dt. Kriegsschiffes.

Foto oben: Auf der rechten Seite sind die Mannschaftsunterkünfte, gedacht und gebaut von der chilenischen Regierung als Unteroffiziersschule der Marine. Am linken Hintergrund ist das von der “Dresden”-Besatzung gebaute Sängerheim “Wartburg” zu sehen. In den Jahren 1973 bis 1990 wurde die Insel als Lager für andersdenkende Chilenen missbraucht. Heute beherbergt sie eine Ausbildungsstätte der chilenischen Marine.
Foto links: Die Insel Quiriquina ist ca. 10 km² groß, die höchste Erhebung liegt bei ca. 120 m, im NW befindet sich ein Leuchtturm und an der SO-Spitze befand sich ein kleines Fort, welches zum Militärbezirk von Talcahuano gehörte. Weltweit bekannt ist diese Insel für ihre prähistorischen Fossilienfunde.

Die Besatzung betrat am 25. März 1915 das kleine Eiland, um es nun für die noch unklar lange Zeit der Internierung wohn- und dienstbar zu machen.

Der Tagesdienstablaufplan auf Quiriquina:

Uhrzeit

Maßnahme

Inhalte

06.00

Wecken-Morgenroutine

Aufstehen, Kojemachen, Waschen und Anziehen, Aufklaren

06.40

Morgenmusterung

Besatzung divisionsweise angetreten, 1. Vollzähligkeitsmeldung

07.00

Frühstück

Durch Backschafter im Mannschaftraum und den Messen vorbereitet

07.45

Dienstbeginn

Arbeitseinteilung in den Divisionen, Zu- und Abkommandierungen

11.00

Dienstende

Aufklaren der Arbeitsbereiche und sammeln auf dem Vorplatz

11.20

Mittagsmusterung

2. Vollzähligkeitsmusterung des Tages, Postausgabe

11.40

Essenausgabe

Backschafter zum Essenempfang und Aufbacken, Kantine öffnet

12.00

Mittagessen

Essen und Mittagsruhe

14.00

Dienstbeginn

Weiterführung der Arbeiten bzw. Neueinteilung

15.40

Kaffepause (20 min)

Kaffee und Schmalzstullen am Arbeitsplatz, durch Dienste org.

17.15

Dienstende

Arbeit beenden, Werkzeug reinigen, Stationen aufklaren

18.00

Abendbrot

Abendbrot außer Landgänger, die aufs Festland fuhren

20.20

Rein Schiff

Säubern aller Unterkünfte, Deck- und Offizierskammern

20.45

Abendmusterung

3. Vollzähligkeitskontrolle, Bekanntgabe wichtiger Meldungen

21.45

Zapfenstreich

Mannschaften in den Unterkünften, Pfeifen und Lunten aus

22.00

Nachtruhe

Ruhe im Schiff, Licht aus

Mannschaftsunterkunft0011
ReinSchiff0111

Foto links: Mannschaftsunterkunft der “Dresden”-Besatzung auf Quiriquina. Die Backs (Tische) und Bänke wurden nach den Mahlzeiten zur Seite geräumt und aufgeklart. Jeden Sonnabend vormittag wurden im Rahmen des “Groß Reinschiff” die Bänke und Tische aus der Unterkunft die wenigen Schritte bis zum Strand am Schiffsanleger gebracht und mit reichlich Seewasser geschrubbt. Sauberkeit und Ordnung waren schon immer die Grundanforderungen des Zusammenlebens an Bord. Andere schälten die Kartoffeln für den Sanntagsbraten (Foto unten links und rechts)

Kartoffelschälen0011
Ochsenkarren0401

Fotos oben: Die Matrosen S.M.S. “Dresden” beim Straßenbau auf Quiriquina. Der Ochsenkarren war die Transportkapazität für das Heranholen der Steine.

Der Tagesdienst beinhaltete viele unterschiedliche Arbeiten, dem mil. Exerzieren, Körperertüchtigung und Dienstunterricht. Mit Arbeiten ist dabei das gesamte Spektrum an Tätigkeiten zu verstehen, damit die Insel den Bedürfnissen der Besatzung immer besser entsprach. Dazu zählen der Straßenbau, der Bau von Wohn- und Gemeinschaftshäusern ebenso, wie die Sanierung und Betreibung einer Energiezentrale, die Elektroenergie zur Verfügung stellte, der Bau der Trinkwasserleitungen, Toiletten sowie Dusch-Badeanlagen etc., etc. ... Um die notwendigen Arbeiten fachgerecht auszuführen zu können, entwickelten sich viele kleine “Unternehmen”, wie z.B. eine Schmiede, eine Tischlerei, Schneiderrei, Schuhwerkstatt, Großküche, Pachtkantine, eine Transporteinheit in Form eines Ochsenkarrens (siehe Bilder) und alles wichtige, was ein kleines autonomes Gemeinwesen braucht, um zu funktionieren. Selbst ein “Banker” aus den eigenen Reihen war vorhanden, der Darlehn verlieh, damit sich die Matrosen Material für Ihre vielfältigen Freizeitaktivitäten kaufen konnten. Dennoch war die Besatzung bis zur Heimkehr nach Deutschland eine militärische Einheit mit allen organisatorischen und hierarchischen Eigenheiten der Kaiserlichen Marine. So wurde beispielsweise viel exerziert, da am 27. Januar jeden Jahres auch eine Parade abgenommen wurde. Auch Turnen und allgemeiner Unterricht waren wichtiger Bestandteil des Tagesdienstplanes.

Foto oben: Die “Großkombüse” der Dresden-Besatzung auf Quiriquina.

Foto links: In der Schmiede enstanden, wie auch in der Tischlerei, neben vielen Werkzeugen und Geräten auch sehr kunstvolle Arbeiten. 

Fotos oben: Viele hand- und kunsthandwerkliche Gegenstände wurden von den einzelnen Gewerken gefertigt (hier z.B. Seekiste, Petschaft, Aschenbecher und Brieföffner des I.O. KL Wieblitz)

Die zur Verfügung stehende Freizeit, insbesondere an den Wochenenden, wurde, den Umständen entsprechend, gestaltet.

Foto oben: Einladungskarte für die Festlandbewohner zum Chorkonzert auf Quiriquina. Der Unteroffiziers-Gesangsverein der Dresden-Besatzung errichtete während der Internierungszeit extra ein Vereinshaus, das Sängerheim “Wartburg” (siehe Foto unten)

Foto: Ein stolzer “Fundo”-Besitzer der Besatzung. Viele Besatzungsmitglieder bauten sich während der Internierungszeit kleine Holzhütten, meist mit Gartenbau und Kleintierzucht, wo sie Ihre Freizeit verbrachten, auch, um einmal allein zu sein oder Freunde auf ein Glas guten chilenischen Weins einzuladen.

Foto links: Die Bordkapelle erhielt neue Instrumente. Unter Leitung des Oberhoboistenmaat Strausfeld aus Bad Doberan musizierte diese “Big Band” nicht nur für den Exerzierplatz, sondern auch zu den vielen Festen auf Quiriquina und dem Festland, zur Freude der chilenischen und deutschen Einwohner von Conception und Talcahuano.

Foto links: Dem Obermatrosen Otto Bitter aus Berlin haben wir die vielen interessanten fotographischen Dokumente zu verdanken. Als “Inselfotograf” hielt er viele Momente aus dem Leben des Schiffes und seiner Besatzung fest. Er fertigte mit seinen Gehilfen viele Fotoalben als Geschenke und zur Erinnerung der Besatzungsmitglieder, gab eine Inselzeitung als Redakteur heraus und war sozusagen das Presse- und Informationszentrum der Besatzung. Nicht nur Kontaktanzeigen (siehe links unten) sondern auch viele Artikel über die Welt- und Inselpolitik wurden veröffentlicht. Die Dichter unter der Besatzung konnten hier ihre “Werke” verbreiten. Wichtig waren auch die Sportergebnisse der Fußballmannschaften oder des Turnvereins...

Foto rechts: Die Besatzung unterhielt zwei Fußballmannschaften, die nicht nur gegeneinander spielten, sondern auch gegen chilenische Mannschaften vom Festland erfolgreich waren.

 

Foto unten rechts und links: Es wird berichtet, dass die Leistungen im Turnen und in der Leichtathlentik so gut waren, dass sie gut und gern an den kontinentalen Meisterschaften von Südamerika hätten teilnehmen können. Das ging natürlich nicht, denn es waren ja Kriegsinternierte. 

Während der Internierungszeit gab es naturgemäß auch vielfältige Versuche aller Dienstgradgruppen, sich durch Flucht der Internierung zu entziehen. Die erfolgreichen Aktionen, wie z.B. die des Oberleutnant Canaris vom 04. August 1915 oder die spektakuläre Flucht mit einem alten Segler, der “Tinto”, bis nach Europa mit u.a. acht Besatzungsmitgliedern der “Dresden” unter der Führung von Leutnant der Reserve Karl Richarz, sind dabei besonders in Erinnerung. Ein Teil der Besatzung verblieb nach Aufhebung der Internierung in Südamerika und versuchte dort sein Lebensglück.

Am 19. Oktober 1919 konnte endlich der erste Teil der Besatzung unter Führung seines Kmdt., Kapitän zur See Lüdecke, die Heimreise über Santiago, Buenos Aires, Lissabon nach Rotterdam auf einem holl. Dampfer antreten. Die gesellschaftlichen Umwälzungen in Deutschland, bei denen die politischen Kräfte mit sich beschäftigt waren, führten dazu, dass das Schicksal der in Südamerika internierten dt. Marineangehörigen lange Zeit nicht beachtet wurde. Der Rest der Besatzung verließ die Insel Quiriquina unter Leitung des I.O., Kapitänleutnant Wieblitz, am 31. Oktober 1919. Während die erste Truppe zu Silvester 1919 im dt. Sammellager Friedrichsfeld an der Weser ankam, traf der Rest der Besatzung am 13. Januar 1920 hier ein. Insgesamt 253 Mann kamen so in ihre Heimat, zu ihren Familien zurück.